Bundesbankpräsident Weidmann sagt, dass Blockchain keine bahnbrechende Technologie für die Finanzindustrie ist. Ein genauerer Blick zeigt, dass viele Akteure der Finanzindustrie grosse Erfolge beim Einsatz der Technologie erzielt haben, darunter auch Zentralbanken.

Ist die Blockchain eine „bahnbrechende“ Technologie? Die Antwort ist Nein, wenn du Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, fragst. Laut Weidmann ist die Blockchain-Technologie langsam und teuer – genau das Gegenteil von dem, was die Befürworter der Blockchain als die Kernkompetenz der Technologie bezeichnen.

Weidmanns Fazit basiert auf einem Versuchsprojekt, das die Zentralbank gemeinsam mit der Deutschen Börse 2016 gestartet hat. Ziel war es, mit Hilfe der Blockchain-Technologie Wertpapiere und Bargeld schneller und kostengünstiger zu transferieren und abzuwickeln. Allerdings schnitten die Blockchain-Lösungen „nicht in jeder Hinsicht besser ab“, sagt Weidmann.

„Der Prozess dauerte etwas länger und führte zu relativ hohen Rechenkosten. Ähnliche Erfahrungen wurden auch an anderen Stellen im Finanzsektor gemacht. Trotz zahlreicher Tests von Blockchain-basierten Prototypen fehlt bisher ein echter Durchbruch in der Anwendung“, sagt er. 

Andere Zentralbanker teilen Weidmanns Ansichten nicht – positive Erfahrungen in Kanada und dem Mittleren Osten

Weidman hat Recht, wenn er sagt, dass Blockchain nicht immer erfolgreich ist, um die Systemeffizienz zu verbessern. Seine Einschätzung, dass Blockchain die Kosten nicht senken oder die Transaktionsgeschwindigkeit erhöhen kann, wird jedoch nicht überall geteilt – nicht im Finanzsektor und nicht einmal unter den Zentralbankern. Yves Mersch, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, sagt: „Ein Teil der Technologie ist es wert, erforscht zu werden und könnte auch für die Zentralbanken von Interesse sein“.

Inzwischen hat eine wachsende Zahl von Zentralbanken begonnen, sich mit der Blockchain-Technologie zu beschäftigen. Anfang Mai haben die Bank of Canada und die Monetary Authority of Singapore beim Einsatz von Distributed Ledger Technology (DLT) und digitalen Währungen der Zentralbanken zusammengearbeitet, um den grenzüberschreitenden Zahlungsprozess billiger, schneller und sicherer zu machen. Laut der offiziellen Pressemitteilung war die Studie erfolgreich.

Ebenso experimentieren die Zentralbanken der Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabiens derzeit mit einer Zentralbank-Kryptowährung, um grenzüberschreitende Überweisungen abzuwickeln. Mubarak Rashed Al Mansouri, der Gouverneur der Zentralbank der VAE, sagt, dass eine zwischen den Banken verwendete digitale Währung „viel effizienter“ wäre.

Der Privatsektor ist weit voraus; Vanguard verwaltet 1,3 Billionen Dollar mit Blockchain-Technologie

Weidmanns Blockchain-Kritik ging über die Systeme der Zentralbanken hinaus und behauptete: „Ähnliche Erfahrungen wurden auch in anderen Bereichen des Finanzsektors gemacht“. Und wieder einmal weist er zu Recht darauf hin, dass es einigen Privatbanken nicht gelungen ist, die Blockchain-Technologie effizient einzusetzen. Es gibt jedoch mehr als genug positive Beispiele, um die implizite Universalität seiner Behauptung zu widerlegen.

Eines der bekanntesten Beispiele ist das Blockchain-Projekt von Vanguard. Der weltweit grösste Anbieter von Publikumsfonds nutzt eine Blockchain zur Verwaltung der Finanzdaten für 25 Prozent seines verwalteten Vermögens.

In Dollar-Zahlen belaufen sich 25 Prozent der gesamten Kundenvermögen von Vanguard auf rund 1,3 Billionen US-Dollar. Das ist also weit mehr als nur ein Prozess. Das System ist bereits seit Februar für Millionen von Vanguard-Kunden im Einsatz und nach Angaben des Unternehmens war die Implementierung ein voller Erfolg.

Laut Warren Pennington, Leiter des Fintech-Strategien-Teams von Vanguard, erforderte das bisherige System des Unternehmens die manuelle Synchronisierung von Daten, wobei die Mitarbeiter gezwungen waren, Aktualisierungen manuell vorzunehmen. Mit der Blockchain wird der Prozess rationalisiert und automatisiert.

Es gibt viele Gründe, warum die Bundesbank gescheitert ist, wo andere erfolgreich waren

Die Deutsche Bundesbank hat nicht viele Details über ihren Blockchain-Prozess veröffentlicht, was es schwierig macht, die Gründe für ihr Scheitern zu identifizieren. Ein möglicher Grund könnte sein, dass die Zentralbanken in Europa strengen Datenschutzbestimmungen unterliegen und stark mit der Europäischen Zentralbank verbunden sind. Ein Mangel an Datenzugriff oder Systemsouveränität könnte ein Grund für das Scheitern der Studie sein.

Anfang des Jahres warnte Pauline Kalfon, eine Führungskraft für Kryptowährung und Blockchain bei PwC Frankreich, dass die französische Zentralbank in absehbarer Zeit kaum digitale Währungen verwenden würde. Kalfon sagte, dass eine solche Entscheidung von der Europäischen Zentralbank eingeleitet werden müsste, was darauf hindeutet, dass die nationalen Zentralbanken nicht in der Lage sind, ein Blockchain-Projekt unabhängig durchzuführen – oder zumindest nicht, wenn es sich um digitale Währungen handelt.

Ein weiterer Grund könnte ein Mangel an Fachwissen sein. Selbst in der Privatwirtschaft, die in der Regel über stattlichere Budgets verfügt, sind erfahrene Blockchain-Entwickler eine Seltenheit. Vanguards Pennington sagt, dass die Blockchain zwar das System seines Unternehmens zum Besseren überarbeitet hat, aber die mangelnde Vertrautheit mit der Technologie in der Tat eine grosse Hürde während der Entwicklungsphase war.

Er sagt: „Eine der Herausforderungen in einer stark regulierten Branche ist einfach die mangelnde Vertrautheit. Das ist es, was Zeit braucht, um die Leute kennenzulernen.“ Könnte es sein, dass die Bundesbank einfach nicht über die Expertise verfügt, um ein Blockchain-Projekt in dieser Grössenordnung umzusetzen?

Keine Frage, Blockchain ist bei weitem keine perfekte Technologie und wird nicht für jeden vermeintlichen Anwendungsfall geeignet sein. Aber Weidman zieht vielleicht voreilige Schlüsse. Nur weil die Blockchain für die Bundesbank nicht funktioniert hat, oder sagen wir mal, nur weil die Bundesbank die Blockchain nicht funktionieren lassen konnte, bedeutet das nicht, dass die Technologie völlig nutzlos ist. Stattdessen sollten wir die Frage stellen: Ist die Blockchain gescheitert oder die Bundesbank gescheitert? Und was noch wichtiger ist: Warum?

Bild: ©Shutterstock