Patrick Bont, Leiter im Bereich Banken in der FMA und Teil der Geschäftsleitung, spricht über seine Arbeit in der Finanzmarktaufsicht und was er mit Blockchain-Unternehmen zu tun hat.

Ramona: Du bist seit dem Sommer 2009 schon bei der FMA. Was sind denn deine genauen Funktionen dort?

Patrick: Ich bin zunächst als Mitglied der Geschäftsleitung für den Bereich Banken zuständig. Daneben arbeite ich an diversen Themen und Projekten mit Bezug zur Digitalisierung mit. Dazu gehören z.B. regulatorische Entwicklungen im FinTech-Sektor oder auch die Digitalisierungsstrategie der FMA.

Ramona: Interessierst du dich auch persönlich für Blockchain und ICOs?

Patrick: Ich beschäftige mich auch privat mit diesen Themen. Die digitale Transformation der Wirtschaft und auch der Gesellschaft sind hochspannende Entwicklungen. Ich möchte verstehen, was da passiert und lese viel über diese Themen oder nehme an Veranstaltungen teil.

Ramona: Blockchain und ICOs sind ja derzeit in aller Munde. Doch die wenigsten können die Begriffe auch wirklich erklären. Kannst du die zwei Begriffe kurz erläutern?

Patrick: Bei der Blockchain-Technologie geht es einfach gesagt darum, eine dezentrale Buchhaltung in einem Netzwerk zu führen. Es gibt da nicht eine zentrale Stelle, die alle Buchungen kontrolliert und nachführt, sondern sehr viele Kopien dieser Buchhaltung. Die werde quasi gleichzeitig geführt und sind für alle Teilnehmer in diesem Netzwerk einsehbar und nachvollziehbar. Deshalb ist die Blockchain auch sehr sicher. Ein Angreifer müsste ja sämtliche Kopien gleichzeitig fälschen. Die Abkürzung ICO steht für Initial Coin Offering. Bei einem ICO werden auf Basis der Blockchain-Technologie sogenannte Token, eine Art elektronischer Gutschein, gegen eine Kryptowährung ausgegeben. In den letzten zwei Jahren haben sich so zahlreiche Start-ups finanziert.

Ramona: Die FMA beschäftigt sich ja seit einiger Zeit mit Blockchain. Wie hat denn das Ganze angefangen und was war euer erstes ICO zu betreuen?

Patrick: Wir haben vor etwa drei Jahren die ersten Anfragen aus dem Markt erhalten. Unternehmen wollten wissen, wie Kryptowährungen finanzmarktrechtlich einzuordnen sind und ob es dazu Vorschriften gibt. Bald darauf wurden wir wegen Fragen zu ICOs kontaktiert. Wir mussten uns also mit diesen Themen auseinandersetzen und analysieren, was die rechtlichen Rahmenbedingungen sind. Das erste ICO in Lichtenstein wurde dann im Frühling 2017 von aeternity durchgeführt.

Ramona: Inwieweit wird die Blockchain-Technologie denn die Finanzwelt in den nächsten paar Jahren verändern?

Patrick: Es ist davon auszugehen, dass diese Technologie die Finanzwelt ziemlich stark verändern wird. Vor allem in Bereichen, in denen bislang sehr viele Intermediäre an einer Transaktion beteiligt waren. Zum Beispiel im Wertschriftenhandel. Dort werden die Abläufe vereinfacht, schneller und auch günstiger werden. Nicht zuletzt deshalb investieren viele grosse Börsenplätze in die Technologie.

Ramona: Wie muss sich die FMA diesen Veränderungen anpassen?

Patrick: Einerseits muss die FMA intern Fachwissen weiter auf- und ausbauen, um beurteilen zu können, was die Auswirkungen und die Risiken dieser Veränderungen bzw. dieser Technologien sind. Andererseits stellen sich viele Detailfragen in der rechtlichen Beurteilung z.B. von Krypto-Börsen oder bei der Ausgabe von verschiedenen Arten von Token in einem ICO. Diese Fragen sind auch abhängig davon, wie sich die EU-Regulierung weiterentwickelt.

Ramona: Was genau kann die FMA bei ICOs regulieren?

Patrick: Das hängt stark vom jeweiligen ICO ab. Es gibt ICOs, die geben sogenannte Utility Token aus. D.h. elektronische Gutscheine, die später zum Bezug z.B. von einem Produkt berechtigen. Ein solches ICO fällt meist nicht unter die Finanzmarktgesetzgebung. Bei ICO bei denen Anteile am Unternehmen, also z.B. Aktien, in Form von Token ausgegeben werden, kann es hingegen sein, dass eine Bewilligung der FMA benötigt wird. Es ist also eine Einzelfallbeurteilung.

Ramona: Verliert eine dezentrale Blockchain ihren Sinn, wenn sie nun durch das Blockchain-Gesetz doch wieder zentralisiert wird? Wie passen diese zwei Aspekte zueinander? Und wieso braucht es Regulierungen?

Patrick: Das Blockchain-Gesetz reguliert nicht die Blockchain selbst, sondern Anbieter von Dienstleistungen auf Basis der Technologie. Die Blockchain wird dadurch nicht zentralisiert, aber natürlich kann ein Dienstleister, z.B. eine Kryptobörse reguliert und beaufsichtigt werden. Dies dient dem Schutz der Investoren bzw. Kunden eines solchen Anbieters.

Ramona: Wie viele Anfragen habt ihr bei der FMA zu ICOs erhalten? Hat sich diese Anzahl  vergrössert?

Patrick: In diesem Jahr gab es schon über 70 Anfragen zu ICOs bei der FMA. Der Trend ist aber leicht rückläufig. Wir merken auch, dass der ICO-Markt eingebrochen ist. Dafür gibt es vermehrt Anfragen zu Krypto-Börsen und Handelsplattformen für Token.

Ramona: Hat die FMA denn genügend Leute um mit der Anzahl von ICOs fertig zu werden? Ich habe gehört, ihr habt da extra ein Regulierungslabor gegründet.

Patrick: Die FMA hat schon vor drei Jahren die Arbeitsgruppe „Regulierungslabor“ geschaffen, die sich nicht nur mit ICOs sondern mit allen FinTech-Themen befasste. Im Sommer dieses Jahres wurde diese Gruppe in eine eigene Organisationseinheit umgewandelt, da die Anzahl Anfragen immer weiter zugenommen hat. Das hat sich sehr bewährt und wir können so auf Augenhöhe mit dem Markt über FinTech Themen diskutieren.

Ramona: Und ist die gestiegene Anzahl von ICOs der Grund, wieso ICOs erst eine Legal Opinion vorweisen müssen, um zu euch kommen zu können?

Patrick: Wir verlangen von ICO eine erste rechtliche Beurteilung durch einen Rechtsanwalt um gezielter die rechtlichen Fragen diskutieren und beurteilen zu können. Dadurch gewinnen wir an Geschwindigkeit was im Sinne der Anfragenden ist. Zudem sind wir als FMA ja nicht beratend tätig. Es ist die Aufgabe der Anwälte und anderer Berater, ein ICO nach den Bedürfnissen eines Unternehmens zu strukturieren und Vor- und Nachteile verschiedener Varianten abzuwägen.

Ramona: Was müssen ICOs denn sonst noch beachten, bevor es zur FMA kommt?

Patrick: Am besten informiert man sich über unsere Website über die Rahmenbedingungen. Dann empfehlen wir, einen spezialisierten Berater und/oder Rechtsanwalt beizuziehen. Wenn das Konzept steht und auch rechtlich beurteilt wurde, können wir relativ schnell eine Rückmeldung geben. Wenn eine Anfrage sehr allgemein ist, können wir auch selten konkrete Antworten geben.

Ramona: Glaubst du, dass es genügend Ressourcen für die ICOs hat die in Zukunft nach Liechtenstein kommen werden?

Patrick: Ich denke schon. Sowohl der Markt wie auch die Behörden haben sich auf die ICO eigestellt und viel Know-how aufgebaut. Ich denke auch, dass der ICO-Hype vorüber ist und wir in Zukunft weniger, dafür komplexere und qualitativ bessere ICOs sehen werden.

Ramona: Sollten sich das Crypto Valley und das Crypto Country gegenseitig unterstützen bei der Bearbeitung von ICOs?

Patrick: Meines Erachtens können Crypto-Valley und Crypto-Country voneinander profitieren. An beiden Orten ist viel Erfahrung und Fachwissen vorhanden. Das sollte geteilt werden. Die Rahmenbedingungen für ICOs sind zwar unterschiedlich, aber Grundsatzfragen sollten gemeinsam diskutiert werden. Ich denke da z.B. an Best Practices oder Minimalstandards in der Selbst-Regulierung.

Ramona: Das heisst, es ist genügend Arbeit da für alle?

Patrick: Auf jeden Fall. Wir stehen ja am Anfang einer Entwicklung und werden die nächsten Jahre noch sehr viele Fragen zu beantworten haben und spannende Entwicklungen erleben.

Ramona: Vielen Dank für das spannende Interview! Zum Abschluss, welche Chancen siehst du für Liechtenstein im Bereich Fintech und Blockchain? Und welche Zukunftsaussichten hast du sonst noch?

Patrick: Liechtenstein hat sich international sehr gut positioniert. Ich glaube wir haben gute Chancen, im Bereich Fintech und Blockchain in Zukunft eine positive und führende Rolle zu spielen.

Ramona: Vielen Dank!

 

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