Die EU und das Vereinigte Königreich streiten um den Brexit. Da Liechtenstein kein EU-Mitglied ist, könnte es von einem harten Brexit profitieren. Auf der anderen Seite ist Liechtenstein auch Mitglied des EWR und von der wirtschaftlichen und politischen Situation der EU abhängig.

Die Brexit-Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union sind noch nicht zu einem Ende gekommen. Bis zum 31. müssen sie eine Einigung finden, sonst bliebe nur noch ein „harter Brexit“, was bedeutet, dass das Vereinigte Königreich und die EU ohne ein Handelsabkommen auseinander driften würden.

Liechtenstein ist kein EU-Mitglied, sondern Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR). Als solches ist das Land keine Partei in den Brexit-Verhandlungen und kann seine eigenen Vereinbarungen mit Grossbritannien treffen. Dennoch werden die Ergebnisse der Verhandlungen zwischen Grossbritannien und der EU auch den gesamten EWR und damit auch Liechtenstein betreffen.

Liechtenstein verhandelt separate Abkommen mit dem Vereinigten Königreich

Laut Liechtensteins Brexit-Koordinatorin Esther Schindler hat die liechtensteinische Regierung Abkommen mit Grossbritannien abgeschlossen, die die künftigen Beziehungen regeln sollen. Eines dieser Abkommen ist ein Zusatz zum Handelsabkommen zwischen Liechtenstein, der Schweiz und Grossbritannien. Es stellt den zollfreien Handel mit Industrie- und Agrarprodukten sicher. „Wir konnten schon früh Klarheit im bilateralen Handel schaffen“, sagt Schindler. „Das bringt uns zusammen mit der Schweiz in eine privilegierte Position“, so Schindler.

Liechtenstein verhandelt auch gemeinsam mit Norwegen und Island über ein Freihandelsabkommen, das sich auf den Dienstleistungs- und Finanzsektor konzentriert. Letzterer ist für Liechtenstein besonders wichtig. Peter Matt, der das Abkommen aushandelt, sagt aber auch: „Wir werden die Verhandlungen nicht rechtzeitig zum 1. Januar 2021 abschliessen können.“

Der Brexit könnte Liechtenstein einen Vorteil gegenüber der EU verschaffen

Diese Verhandlungen sind wichtig für in Liechtenstein ansässige Unternehmen, insbesondere für solche, die sich auf den Finanzsektor konzentrieren und solche mit einem digitalen Geschäftsmodell. Während das grenzüberschreitende Geschäft mit dem Vereinigten Königreich bisher relativ einfach war, könnte sich dies in Zukunft ändern.

„Der [Brexit-]Prozess war in den letzten vier bis fünf Jahren sehr intransparent“, sagt Esther Schindler. „Das macht es praktisch unmöglich, eine verlässliche Vorhersage zu treffen. Aber natürlich hoffe ich, dass die EU und das Vereinigte Königreich zu einer Einigung kommen können“, sagt Esther Schindler.

Dennoch sind sowohl Liechtenstein als auch das Vereinigte Königreich daran interessiert, ihre bilateralen Beziehungen in gutem Zustand zu halten. Es könnte den Unternehmen außerhalb der EU sogar den Handel mit dem Vereinigten Königreich erleichtern, da britische Unternehmen neue Partner suchen werden. Zusammen mit den engen Beziehungen zwischen den Unternehmen der Finanzindustrie in beiden Ländern könnte dies eine stärkere Zusammenarbeit auch bei digitalen Finanzprojekten bedeuten. Sollten die Brexit-Verhandlungen jedoch scheitern, wird dies negative Auswirkungen auf das Vereinigte Königreich haben, und es würde sich auch negativ auf die Europäische Union auswirken. Als Kleinstaat im Herzen Europas könnte dies auch negative wirtschaftliche Folgen für Liechtenstein haben.

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