Liechtenstein dient als Testgelände für ein in der Schweiz hergestelltes Armband zur Verfolgung des COVID-19-Virus. Für Liechtenstein ist das eine bekannte Geschichte. Viele Unternehmen aus den Nachbarländern starten in Liechtenstein mit innovativen Technologien. Warum?

„Das Experiment Liechtenstein“ – so nannte die deutsche Zeitung SZ die liechtensteinischen COVID-19-Armbänder. Es handelt sich dabei um eine biometrische Tracking-Lösung, die darauf abzielt, die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Die Technologie wurde bisher zur Verfolgung der Fruchtbarkeit von Frauen eingesetzt. „Ziel ist es, zu sehen, ob ein sensorisches Armband, das bereits erfolgreich zur Überwachung der Fruchtbarkeitszyklen von Frauen eingesetzt wird, eine Covid-19-Infektion frühzeitig erkennen kann“, sagte die Sprecherin bei der Einführung des Armbandes Ende April. Dieselben Daten, so die Idee, könnten auch zur Bekämpfung des Coronavirus verwendet werden.

Die Armbänder für das Projekt werden von Ava geliefert, einem Schweizer Medizintechnik-Unternehmen, das sie derzeit international verkauft, damit Frauen ihre Fruchtbarkeitszyklen überwachen können. Die Technologie stammt also nicht aus Liechtenstein. Im April verteilte Risch 2.000 Armbänder an eine erste Auflage von Testnutzern und plant, im dritten Quartal weitere 3.000 zu verteilen. Die Ergebnisse der Studie werden noch in diesem Jahr veröffentlicht.

Liechtenstein als Testgebiet für innovative Technologien

Interessanter als das Armband selbst ist, wie die Regierungen den Einsatz digitaler Werkzeuge zur Bekämpfung der Pandemie beschleunigt haben. Das Armband-Programm in Liechtenstein wurde ebenfalls von der Regierung finanziert und mit dem Team von Lorenz Risch durchgeführt. Er ist der Präsident der Schweizer Dr. Risch Laboratories, die in Liechtenstein bereits eine klinische Längsschnittstudie mit 2.000 Personen durchführen.

Risch ist der Ansicht, dass Liechtenstein das ideale Testfeld für die Technologie ist, da das Land klein genug ist, um eine umfassende Studie durchzuführen und grosse Teile der Bevölkerung zur Teilnahme zu bewegen. „Als ich an der Harvard University Public Health studierte, waren alle immer neidisch darauf, dass ich aus Liechtenstein komme“, sagte Risch in einem Interview mit der SZ.

Er betont die Bedeutung von schnellen Entscheidungsprozessen. Nach dem Ausbruch des Virus sprach er direkt mit Regierungsvertretern. „So ist das in einem so kleinen Land, wo man sich persönlich kennt“, sagt Mauro Pedrazzini, Liechtensteins Sozialminister.

Können Unternehmen aus Liechtenstein heraus skalieren?

Die schnelle Entscheidungsfindung ist etwas, das auch andere Unternehmen in Bezug auf Liechtenstein erwähnt haben. Insbesondere technologische Innovationen, die nicht immer in die bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen passen, brauchen einen flexiblen Governance-Ansatz, der die Entwicklung neuer Lösungen nicht behindert, sondern beschleunigt. Das COVID-19-Armband ist daher ein gutes Beispiel.

„Dies ist Wissenschaft, und es gibt keine Garantie, dass [die Theorie] funktionieren wird, aber es ist wahrscheinlich, dass sie sehr gut funktionieren könnte“, sagte Pedrazzini. „Was wir und andere Regierungen brauchen, sind Frühwarnsysteme, um mit dieser Krise fertig zu werden“, so Pedrazzini.

Nur weil ein kleines Land eine Technologie zulässt, heisst das noch lange nicht, dass andere es auch tun. Im Falle des Armbandes zum Beispiel ist der Schutz von Daten und Privatsphäre eine Herausforderung. Während Liechtenstein beschlossen hat, das Experiment zu genehmigen, könnten sich andere Länder gegen die Technologie entscheiden oder deutlich mehr Zeit für die Überprüfung benötigen.

Selbst die Tatsache, dass Liechtenstein Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums ist, gibt liechtensteinischen Unternehmen keinen automatischen Zugang zu seinen europäischen Nachbarn. Die Regulierungsbehörde jedes Landes hat immer noch die Macht, den Markteintritt einer von Liechtenstein genehmigten Technologie zu verhindern. Liechtenstein mag immer noch ein ideales Testfeld sein, aber nur weil eine Technologie in Liechtenstein funktioniert, heisst das noch lange nicht, dass sie überall funktioniert.

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